Interview mit Justus Böhm, Kartoffelzüchter in der fünften Generation und geschäftsführender Gesellschafter von Europlant
Herr Böhm, Ihr Unternehmen züchtet seit fünf Generationen Kartoffeln. Was begeistert Sie an der Entwicklung moderner Sorten?
Wir haben eine lange Züchtungshistorie über fünf Generationen. Mein Ururgroßvater hat mit Kartoffelzüchtung angefangen, und ich finde: Die Kartoffel ist einfach ein super vielfältiges und komplexes Produkt. Sie hat wahnsinnig viele Eigenschaften, und es macht Spaß, diese verschiedenen Eigenschaften immer wieder miteinander zu kombinieren, um eine neue Sorte zu entwickeln, die irgendwo einen Mehrwert schafft.
Kartoffelzüchtung war früher immer viel Handarbeit. Letztendlich haben Sie mit Knollen zu tun, Sie müssen in der Erde wühlen. Früher haben wir sehr viel mit standardisierten, einfachen Verfahren gearbeitet und konnten uns die Knolle, den Pommes frites oder den Chip immer nur von außen anschauen. Heute haben wir die Möglichkeit, direkt ins Genom hineinzuschauen, um festzustellen, ob die Eigenschaften, die wir in den Sorten sehen wollen, genetisch verankert sind. Wenn wir sie dort nicht finden, werden wir sie hinterher auch nicht sehen. Das hat unsere Arbeit in den letzten Jahren erheblich verändert.
Welche Rolle spielen herkömmliche und moderne Methoden jeweils im Züchtungsprozess?
Klassische Züchtung ist für uns immer die Grundlage von allem, weil sich die Merkmale, die wir kombinieren wollen, immer in den Eltern befinden. Entscheidend dafür, ob wir mit mehr als dem arbeiten, also zum Beispiel Marker einsetzen, hängt von der Genetik ab. Wenn wir aber wirklich über neue Verfahren oder ähnliche Ansätze nachdenken, müssen wir auch schauen, wie der Rechtsrahmen dazu ist und ob wir überhaupt die Möglichkeit haben, solche Techniken und Merkmale in Europa einzusetzen.
In welchen Bereichen könnten neue genomische Techniken (NGTs) dabei helfen, ein bestimmtes Zuchtziel schneller zu erreichen?
Ein gutes Beispiel dafür ist die Resistenzzüchtung. Wir haben seit Jahren Probleme mit zystenbildenden Nematoden. Diese Nematoden können Sie chemisch eigentlich nicht bekämpfen. Deshalb brauchen wir an dieser Stelle Resistenzen. Wir haben in den 1990er-Jahren zusammen mit anderen Partnern mehrere Projekte im Bereich Stärkekartoffeln gemacht und waren in der Lage, mithilfe von Markern neue Resistenzquellen einzuzüchten und zu nutzen. Ein Großteil der Stärkekartoffeln in Deutschland basiert heute zum Beispiel auf diesen Arbeiten, die wir in den 1990er-Jahren gestartet haben.
Die Kartoffel hat eine enorme kulturelle Bedeutung. Wie können neue Merkmale entwickelt und gleichzeitig bestehende Vielfalt bewahrt werden?
Die Vielfalt in der Kartoffel ist historisch schon sehr groß. Dadurch, dass die Kartoffel nicht wie andere Kulturarten durch ein Nadelöhr gehen musste, um Kulturpflanze zu werden, verfügen wir heute über acht kultivierte Kartoffelarten und dazu noch ungefähr 150 Wildarten, die mit der Kartoffel kreuzbar sind.
Gerade unser Interesse an neuen Resistenzen und neuen Merkmalen sorgt dafür, dass wir immer wieder neue Wildarten einkreuzen und einarbeiten. Daher ist eine moderne Kartoffel eigentlich eine Kombination aus fünf bis 15 unterschiedlichen Kartoffelarten. Meiner Meinung nach sorgt die Züchtung eher dafür, dass wir die Vielfalt erhöhen und mehr Genetik und mehr Breite hineinbekommen, als dass wir die Kartoffelvielfalt verengen. Denn die Kartoffeln in Europa basieren letztendlich auf etwa 50 Sorten aus den Anden von vor 500 Jahren.
Was würden Sie Menschen sagen, die NGTs in der Kartoffelzüchtung aktuell noch skeptisch gegenüber stehen?
Jede Kartoffel, egal ob sie hinterher als Pommes frites oder als Speisekartoffel endet, ist deshalb da, weil ihre Genetik bestimmte Eigenschaften ausprägt. Eine Pommeskartoffel muss zum Beispiel sehr gut frittieren. Welche Gene letztendlich diese gute Frittiereignung steuern, ist unabhängig davon, ob das Gen aus einer Wildart kommt, aus einer Kulturkartoffel oder mit neuen Technologien eingeführt wurde. Denn letztendlich ist das, was an Protein codiert wird, hinterher immer das Gleiche.
Das heißt: Für das, was der Mensch zu sich nimmt, aufnimmt und in seiner Verdauung verwertet, macht es überhaupt keinen Unterschied, woher der Genabschnitt historisch stammt, der dieses Protein codiert hat.
Was würde es für Ihre Planungssicherheit im Betrieb bedeuten, wenn es in Europa für NGTs klare und verlässliche Regeln gäbe?
Wir arbeiten in der Kartoffelzüchtung mit Zeithorizonten von 10, 15 oder 20 Jahren, weil wir extrem lange Züchtungszyklen haben. Das Wichtigste für uns ist Stabilität in der Regulierung, weil wir nicht in Legislaturperioden von vier Jahren immer wieder unsere Art zu arbeiten und unsere Ansätze ändern können. Von daher ist für uns das Allerwichtigste, um erfolgreich an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten, dass wir langfristige, stabile Rahmenbedingungen haben.
Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit europäische Züchtung international konkurrenzfähig bleibt?
Die europäische Züchtung hat eine Historie, die 150 bis 200 Jahre zurückreicht. Wir konnten in Europa immer als Innovationsmotor für neue Sorten fungieren — bis unsere Regulierung langsamer und schwieriger wurde als im Rest der Welt. Entscheidend ist gar nicht unbedingt, wie die finale Regel am Ende aussieht. Entscheidend ist vielmehr, dass wir global möglichst einheitliche Märkte haben. Denn egal, ob wir über Getreide oder Kartoffeln reden: Produkte sind durch die Globalisierung überall auf der Welt in Bewegung.
Wichtig ist, dass wir nicht immer wieder über separate Handelsströme und separate Warenströme diskutieren müssen.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Landwirtschaft 2050 und welche Lösungen könnten Landwirtinnen wahrscheinlich helfen?
Ich denke, die Hauptherausforderung für die Landwirtschaft im Jahr 2050 ist, dass wir im Zweifel fast noch einmal eine Verdoppelung der Weltbevölkerung sehen werden. Die grundlegende Aufgabe ist die Ernährung der Bevölkerung. Wenn wir den Flächenverbrauch weltweit nicht massiv erhöhen wollen, müssen wir die Produktion, Produktivität und Effizienz der Landwirtschaft verbessern. Ein ganz wesentliches Element dabei ist das Saat- und Pflanzgut.
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