
Welche Entscheidung hat der Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten (AStV / COREPER) vergangenen Freitag getroffen und was bedeutet sie für Europas Landwirtschaft?
Am 14. März 2025 hat die Mehrheit der EU-Staaten dafür gestimmt, die Regulierung für genomeditierte Pflanzen (neue genomische Techniken (NGTs)) anzupassen. Sie stimmten einem Regulierungsvorschlag zu, der von der polnischen Ratspräsidentschaft als Kompromiss auf Basis des Kommissionsvorschlags entwickelt worden war. Damit starten nun die Trilogverhandlungen zwischen Rat, Parlament und Kommission. Wann die Verhandlungen beginnen, wurde bisher noch nicht bekanntgegeben.
Worum geht es bei der Regulierung?
Der bereits seit 2023 diskutierte Regulierungsvorschlag wurde im Januar 2025 von der polnischen Ratspräsidentschaft erneut aufgegriffen und leicht überarbeitet. Ziel ist die Novellierung der Zulassungsvorschriften für genomeditierte Pflanzen der Kategorie NGT 1, um die Regulierung an den technologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte anzupassen.
NGT-1-Pflanzen werden durch Genomeditierung punktuell und präzise verändert, und so beispielsweise widerstandsfähiger gegen Krankheiten oder extreme Witterung gemacht. Da sie genauso natürlichen Ursprungs sein könnten und demnach kein höheres Risiko für Mensch und Umwelt bergen als konventionell gezüchtete Pflanzen, sieht der Vorschlag keine Kennzeichnungspflicht vor.
Abstimmung am 14. März 2025
Von den 27 Mitgliedstaaten stimmte eine qualifizierte Mehrheit von 19 Mitgliedstaaten dem Vorschlag zu – Belgien mit Vorbehalt. Deutschland enthielt sich.
Das wurde beschlossen:
- Keine Kennzeichnungspflicht für NGT-1-Pflanzen
- Kennzeichnung von NGT-Saatgut
- NGTs für den Ökolandbau ausgeschlossen
- Pflanzen mit Pflanzenschutzmittelresistenz nicht als NGT-1 eingestuft
- Patenttransparenz: Anbieter:innen müssen bestehende oder beantragte Patente offenlegen
- EU-Kommission erstellt Studie zu den Auswirkungen von Patenten und veröffentlicht diese binnen eines Jahres nach Inkrafttreten der Gesetzesnovelle

Trilog – wie geht es weiter?
Der nächste Schritt ist ein Kompromiss mit dem Europäischen Parlament und der Kommission. Die Position des Parlaments weicht in zwei zentralen Punkten vom Ratsbeschluss ab:
- Kennzeichnungspflicht – NGT-1-Pflanzen sollen über die gesamte Lebensmittelkette hinweg rückverfolgbar sein.
- Patentverbot – Saatgut soll nicht patentierbar sein.
Bundesminister Cem Özdemir fordert zudem Koexistenzregeln, um die gentechnikfreie Landwirtschaft zu schützen. [BMEL] Die Position der neuen Bundesregierung zu Neuen Züchtungsmethoden ist noch offen.
Wie würde sich die NGT-Zulassung auswirken?
Wissenschaftliche Institutionen wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordern seit Langem eine Anpassung des Gentechnikrechts an den aktuellen Stand der Wissenschaft. [transgen] Die Vorteile, die sich daraus ergeben, sind vielfältig:
- Nachhaltige Landwirtschaft & Klimaschutz – widerstandsfähigere Pflanzen, geringerer Pestizid- und Düngereinsatz, bessere CO₂-Bilanz
- Ernährungssicherheit & Unabhängigkeit – höhere Erträge, weniger Importabhängigkeit, regionale Anpassung von Nutzpflanzen
- Gesündere Lebensmittel – präzisere Züchtung ermöglicht höhere Nährstoffgehalte
- Forschung & Wettbewerbsfähigkeit – Europa könnte mit Ländern wie den USA und Japan aufschließen, die bereits weniger restriktive Regelungen haben
Der Agrarwissenschaftler Prof. Matin Qaim betont außerdem Europas Verantwortung als Gunststandort. Durch Technologieoffenheit und Investitionen in die internationale Agrarforschung könnten Hunger und Armut weltweit bekämpft werden. [top agrar]

NGTs und der Ökolandbau – Risiko oder Chance?
Nach den jüngsten Beschlüssen äußern vor allem Vertreter:innen der ökologischen Landwirtschaft Bedenken.
Um eine langfristige und nachhaltige Wirtschaftsfähigkeit der Betriebe gewährleisten zu können, plädieren Leopoldina und DFG dafür, NGT-1-Pflanzen auch im Ökolandbau zuzulassen. Dieser könne aufgrund des weitgehenden Verzichts auf chemischen Pflanzenschutz in ganz besonderer Weise von NGT-1-Pflanzen profitieren. [Leopoldina]
Auch Urs Niggli, Vordenker des Ökolandbaus, sieht großes Potenzial in NGTs [tagesspiegel]:
„Wir müssen endlich die Chancen und Potenziale von [NGTs] diskutieren. Gerade in Zeiten von Wetterextremen kann uns die [Genomeditierung] helfen.”
Blick Richtung Zukunft
Es bleibt spannend. Die Ratsentscheidung ist ein wichtiger Schritt zur Förderung innovativer, widerstandsfähigerer und nachhaltigerer Pflanzenzüchtung. Die nächste Verhandlungsphase wird entscheidend sein, um diesen Fortschritt dauerhaft zu verankern. [Crop Life Europe]
Welche Chancen oder Risiken sehen Sie in der Zulassung von NGTs für die europäische Landwirtschaft?
Sollte der Ökolandbau ebenfalls NGT-1-Pflanzen nutzen dürfen, um nachhaltig wirtschaften zu können?
Quellen
Europäischer Rat: https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2025/03/14/new-genomic-techniques-council-agrees-negotiating-mandate/
transgen: https://www.transgen.de/aktuell/2880.ngt-regulierung-eu-kommission-crispr-gentechnik.html
top agrar: https://www.topagrar.com/acker/news/prof-matin-qaim-gentechnik-ist-kein-teufelszeug-20012558.html
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): https://www.bmel.de/SharedDocs/Meldungen/DE/Presse/2025/250314-ngt.html
tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/wissen/gentechnik-vs-bio-ich-wurde-gerne-aus-der-polarisierung-heraus-10454503.html
Vorschlag der EU-Kommission: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-6426-2025-INIT/en/pdf
Crop Life Europe: https://croplifeeurope.eu/statement-on-the-councils-adoption-of-a-general-approach-on-new-genomic-techniques-ngts/
