Interview mit Prof. Urs Niggli, Agrarwissenschaftler und Vordenker des biologischen Landbaus

Wenn Sie auf Landwirtschaft und Ernährungssysteme der nächsten 10 bis 20 Jahre blicken: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Zielkonflikte? Und wo sehen Sie die wichtigsten Ansatzpunkte, um hier wirklich voranzukommen?

Die zentralen Zielkonflikte bestehen vor allem zwischen Produktivität, Umweltleistungen sowie wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit. Die Landwirtschaft soll einerseits die Ernährung sichern – das ist ihre Hauptaufgabe – aber gleichzeitig auch die Biodiversität erhalten und wirtschaftlich tragfähig sein. Das lässt sich nicht ohne Spannungen erreichen. Dieses Spannungsfeld konnten wir bisher nicht lösen.

„Der vielversprechendste Ansatz ist aus meiner Sicht einerseits ein konsequenter Systemansatz, wie ihn der Biolandbau entwickelt hat, kombiniert mit den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte.”

Der Fortschritt in der Wissenschaft, auch bezüglich Systemverständnis und der respektvolle Dialog, welcher Fakten, Interessen und Überzeugungen transparent anspricht, müssen sich deutlich weiterentwickeln, wenn diese Zielkonflikte langfristig entschärft werden sollen.

Was denken Sie denn: Welche Rolle kann die Pflanzenzüchtung dabei spielen, diese Konflikte zu lösen? Und wo reichen ihre Möglichkeiten eventuell nicht aus?

Aus meiner Sicht ist die Pflanzenzüchtung ein zentraler Hebel, um die Landwirtschaft zum Beispiel an den Klimawandel anzupassen. Ich wüsste nicht, wie wir das anders machen könnten. Auch um Resistenzen zu stärken und damit den Einsatz von Betriebsmitteln zu reduzieren, ist sie wichtig.

Die Züchtung kann die Wurzelarchitektur verändern, also mehr Feinwurzeln und tiefere Wurzeln hervorbringen. Das reduziert den Düngerbedarf deutlich und erhöht die Trockenheitstoleranz. Auch beim Einsatz von Fungiziden kann sie einen Beitrag leisten, etwa durch bessere Krankheitstoleranz oder sogar Krankheitsresistenz. Selbst im Bereich der Herbizide kann die Züchtung mehr leisten. Dazu gibt es interessante Arbeiten, zum Beispiel zur angepassten Blattstellung bei Getreidepflanzen. Überhängende Blätter beschatten stärker, als wenn sie aufrecht stehen. Das sind alles Anpassungen, die sich durch Züchtung erreichen lassen. Dafür braucht es allerdings immer auch angepasste Anbausysteme.

„Wir sehen, dass die Entwicklung des Ökolandbaus momentan etwas stockt. Ich denke, dessen Schwächen müssten offen benannt werden, damit sich der Ökolandbau weiterentwickeln kann.”

Sie haben ja selbst den Ökolandbau über Jahrzehnte mitgeprägt. Wo sehen Sie heute seine größten Stärken und wo stößt er in der Praxis an Grenzen?

Die Stärken des Ökolandbaus – und deswegen habe ich mich auch immer so stark wissenschaftlich dafür eingesetzt – liegen ganz klar in seinem konsequenten systemischen Ansatz. Er hat zum Beispiel immer die Bodenfruchtbarkeit ins Zentrum gestellt und das mit Biodiversität verbunden. Auch das Tierwohl gehört in dieses Denken hinein und damit auch die Schließung von Nährstoffkreisläufen. Also wirklich ein ganzheitlicher Ansatz.

Damit hat der Ökolandbau der Landwirtschaft insgesamt wichtige Impulse gegeben. In der Praxis zeigen sich jedoch auch seine Grenzen, zum Beispiel bei den Erträgen. Selten erreicht er mehr als 80 Prozent des Niveaus konventioneller Betriebe, in vielen Fällen sogar nur etwa die Hälfte. Zudem sind die Produktionskosten deutlich höher, und die Verbraucher müssen tiefer in die Tasche greifen. Deshalb bleibt der Ökolandbau eine Nische. In der EU macht er 11 Prozent der Landwirtschaft aus, weltweit sind es 3 Prozent.

Deswegen sehen wir auch, dass die Entwicklung des Ökolandbaus momentan etwas stockt. Ich denke, dessen Schwächen müssten offen benannt werden, damit sich der Ökolandbau weiterentwickeln kann. Die Diskussion verläuft aber eher defensiv.

„Ich halte die Genomeditierung nicht für einen Bruch in der Züchtung, sondern für eine Fortsetzung der klassischen Züchtungsarbeit.”

Wenn wir über Züchtung sprechen: Was unterscheidet klassische Verfahren fachlich von neuen genomischen Techniken, und welche Folgen hat das für die Bewertung, Regulierung und Anwendung?

Der Ökolandbau konzentriert sich seit den letzten 20 Jahren immer stärker auf klassische Züchtungsmethoden wie Selektion und Kreuzung. Allenfalls nutzt er noch genetische Marker, um gewünschte Eigenschaften besser zu identifizieren. Das geschieht aus einem ideologischen – oder, positiver formuliert, idealisierenden – Pflanzenbild der Natürlichkeit heraus.

Weil die Kreuzungszüchtung an ihre Fortschrittsgrenzen stößt, haben konventionelle Züchter in den letzten 30 bis 40 Jahren zahlreiche Techniken entwickelt, um den Genpool zu erweitern, botanische Kreuzungsbarrieren zu überwinden und die Arbeit präziser zu machen. Das sind alles lang bewährte Techniken. Die Genomeditierung ist bislang das präziseste Instrument und löst die Schockbehandlung mit Chemie und ionisierenden Strahlen ab.

In diesem Sinne halte ich die Genomeditierung nicht für einen Bruch in der Züchtung, sondern für eine Fortsetzung der klassischen Züchtungsarbeit. Das heißt, wir müssen diese Fortschritte differenziert betrachten. Wir müssen sowohl die Risiken als auch den potenziellen Nutzen sehen und beides im Einzelfall sachlich abwägen.

„Global ist der Ökolandbau eigentlich keine Lösung für die Herausforderungen. (…) Ich habe mich im Verlauf der Entwicklung mehr darauf konzentriert: Ist eine Technologie in der Lage, konkrete Probleme zu lösen, und ist sie mit dem Ziel einer nachhaltigen Landwirtschaft vereinbar?”

Wo lässt sich denn der Einsatz neuer genomischer Techniken mit den Prinzipien des Ökolandbaus vereinbaren? Und wo entstehen eventuell Spannungen?

Man muss klar festhalten, dass die gesetzlichen Vorgaben, aber auch die privaten Richtlinien im Ökolandbau Gentechnik und auch Genomeditierung klar ausschließen. Das war vor 35 Jahren schon der ausdrückliche Wunsch der Bioproduzenten. Die EU, aber auch die nationalen staatlichen Regelungen, haben das so respektiert.

Da ist also scheinbar nichts zu machen. Das musste ich auch am eigenen Leib erleben, als ich die Diskussion über Züchtungsmethoden eröffnen wollte. Da gibt es echte Spannungen zwischen dem Ökolandbau und moderner Züchtung. Das wird natürlich auch für politische Profilierung und auch für ökonomische Profilierung verwendet.

Der Biolandbau hat ein eigenes Wertesystem. Das muss man auch respektieren. Zum Beispiel bewährte Prinzipien wie Natürlichkeitsorientierung und Vorsorge. Diese Prinzipien reduzieren aber ganz deutlich die Produktivität im Ökolandbau und damit die weltweite Skalierbarkeit. Global ist der Ökolandbau eigentlich keine Lösung für die Herausforderungen. Das sieht man auch daran, dass der weltweite Anteil des Ökolandbaus immer noch unter 3 Prozent liegt.

Ich habe mich im Verlauf meiner Entwicklung mehr darauf konzentriert: Ist eine Technologie in der Lage, konkrete Probleme zu lösen, und ist sie mit dem Ziel einer nachhaltigen Landwirtschaft vereinbar? Damit habe ich auch die Diskussionen im Ökolandbau ausgelöst.

„Der größte realistische Nutzen liegt bei der Entwicklung robuster Sorten mit verbesserter Krankheitsresistenz und höherer Anpassungsfähigkeit an Klimastress. Das halte ich für ganz wesentlich für die Zukunft der Landwirtschaft.”

Wo sehen Sie derzeit den größten realistischen Nutzen neuer Züchtungstechniken, und wo wird in der Debatte zu viel versprochen?

Der größte realistische Nutzen liegt bei der Entwicklung robuster Sorten mit verbesserter Krankheitsresistenz und höherer Anpassungsfähigkeit an Klimastress. Das halte ich für ganz wesentlich für die Zukunft der Landwirtschaft. Das reduziert Risiken und den Inputeinsatz.

Was überschätzt wird, ist oft die Geschwindigkeit, die man damit erreichen kann, und sicher auch die Reichweite solcher Innovationen. Denn Züchtung bleibt immer etwas Lokales oder Regionales. Ich halte nichts von globalen Sorten, wenn wir sie in komplexe agrarökologische Systeme einzelner Länder oder klimatischer Regionen hineinstellen wollen. Daran müssen wir noch arbeiten.

Könnten NGTs Marktstrukturen, Züchtervielfalt und Abhängigkeiten in der Landwirtschaft verändern?

Es besteht die Angst – und die ist nicht unbegründet –, dass die bestehenden Marktstrukturen weiter konzentriert werden könnten, insbesondere wenn sie mit Patenten und hohen Entwicklungskosten verbunden sind. Lokale kleine züchterische Initiativen, die auf Kreuzung und Selektion beruhen, sind da natürlich flexibler.

Das heißt, die Vielfalt an Züchtern und die Unabhängigkeit der Landwirtschaft könnten negativ beeinflusst werden. Gleichzeitig ist aber zu erwarten, dass erleichterte Zulassungsbedingungen, wie sie zurzeit in der EU diskutiert werden, die Entwicklungskosten deutlich senken könnten. Das würde dann auch bedeuten, dass kleinere Firmen mit regionalem züchterischem Ehrgeiz auf diese Technologie einsteigen könnten.

Ich halte es deshalb für sehr wichtig, dass der Zugang zu genetischen Ressourcen und zu Technologien offen gehalten wird. Alternative Innovationsmodelle müssen dringend gestärkt werden. Die kleinen Züchter müssen profitieren können.

„Häufige Probleme sind eine unzureichende Beratung, fehlende ökonomische Anreize und politische Rahmenbedingungen, die extrem widersprüchlich sind oder zum Teil sogar die Anwendung von Genomeditierung verhindern.”

Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich in die landwirtschaftliche Praxis kommen sollen?

Die größten Hürden liegen nicht bei der Wissenschaft. Das habe ich schon erwähnt. Wenn man die Wissenschaft und ihre Ergebnisse sehr gut verfolgt, sieht man, wie groß die Bereitschaft ist, praktische Probleme zu lösen und nachhaltige Landbausysteme zu unterstützen.

Häufige Probleme sind eine unzureichende Beratung, fehlende ökonomische Anreize und politische Rahmenbedingungen, die extrem widersprüchlich sind oder zum Teil sogar die Anwendung von Genomeditierung verhindern. Ich hoffe, dass sich da etwas ändert.

Dann können die Landwirte diese neuen Sorten nutzen, wenn sie von deren Nutzen überzeugt sind und wenn sie wirtschaftlich sinnvoll sein können. Wenn Landwirte einen Nutzen sehen, um nachhaltig und ökonomisch sinnvoll zu produzieren, dann werden die Hürden fallen.

„Der Ökolandbau beschäftigt sich zu stark mit sich selbst und ist deshalb konservativer geworden. Und mit konservativen Lösungen allein können wir die Zukunft nicht in den Griff bekommen und die Probleme nicht lösen. Der Ökolandbau hat das Problem, dass er riskiert, sich selbst in eine Nische zu manövrieren.”

Wenn Sie nun auf Ihren eigenen wissenschaftlichen Weg zurückblicken: Gibt es Positionen oder Annahmen zu Landwirtschaft oder Züchtung, die Sie im Laufe der Jahre revidiert haben?

Im Laufe meiner Karriere habe ich mir viel Zeit genommen, die Entwicklung der gesamten Breite wissenschaftlicher Disziplinen zu verfolgen. Das war auch notwendig angesichts der zahlreichen Kommissionen, in die ich gewählt wurde. Mich faszinierte, wie sich das Denken in Systemen und die vorausschauende Risikobewertung zunehmend durchsetzten. Grundsätzliche Technologieverbote wurden abgelöst und durch eine differenzierte Betrachtung von Stärken, Schwächen, Potenzialen und Risiken ersetzt. Gleichzeitig habe ich auch wunde Punkte des Ökolandbaus offen angesprochen. Beides kam nicht gut an.

Der Ökolandbau beschäftigt sich zu stark mit sich selbst und ist deshalb konservativer geworden. Und mit konservativen Lösungen allein können wir die Zukunft nicht in den Griff bekommen und die Probleme nicht lösen. Der Ökolandbau hat das Problem, dass er riskiert, sich selbst in eine Nische zu manövrieren. Ich bin sehr überzeugt, dass technologische Innovation notwendig ist – immer in ein nachhaltiges Gesamtsystem eingebettet. Sie darf kein Selbstzweck sein.

„Eine langfristig tragfähige Landwirtschaft ist vielfältig (…), ressourceneffizient (…) und regional verankert.”

Was ist für Sie das überzeugendste Bild einer langfristig tragfähigen Landwirtschaft, und welche Rolle spielt die Züchtung darin?

Da wiederhole ich gewisse Banalitäten: Eine langfristig tragfähige Landwirtschaft ist vielfältig. Da bestehen noch große Defizite. Sie ist ressourceneffizient, auch da ist noch viel zu tun. Und – das ist mir sehr wichtig – sie ist regional verankert.

Wir müssen neben diesen regionalen Fragen immer auch den globalen Kontext mitdenken. Weltweit brauchen wir eine verantwortungsvolle Landwirtschaft. Damit rückt natürlich auch die globale Ernährung in den Blick. Ich glaube, dass die Züchtung dabei eine wichtige Rolle spielt – nicht als isolierte Lösung, sondern als integraler Bestandteil funktionierender Agrarökosysteme. Wir müssen uns die Freiheit nehmen, ganz neue Produktionsmethoden zu entwickeln. Das war für mich auch eine Motivation, nach meinem Ausscheiden aus dem FiBL und aus dem Ökolandbau heute echte, nicht durch Standards zementierte Agrarökosystemlösungen – also die Agrarökologie – zu prüfen.


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