Interview mit Dr. Martin Reich, Kommunikator und Berater im Bereich Bioökonomie
Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Biotechnologie und mit neuen Ansätzen für resiliente Ernährungssysteme. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Themenfeld?
An der Biotechnologie insgesamt fasziniert mich, dass es dabei um ein Arbeiten mit der Natur, mit der Biologie geht – und zwar auf eine viel subtilere Art, als wir es mit bisherigen Methoden gemacht haben. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Biotechnologie oft als etwas Unnatürliches betrachtet. Ich finde, eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall.
Mit der Biotechnologie können wir mit der Komplexität arbeiten, die uns die Natur bietet – und mit vielem, was wir bis heute noch gar nicht vollständig verstehen. Genau daraus können Lösungen für die Zukunft unserer Ernährung entstehen.
„Vieles von dem, was für die Ernährung und Landwirtschaft der Zukunft herausfordernd ist, kann mit der Biotechnologie angegangen werden. Sie ist also ein Teil der Lösung.”
Was mich persönlich außerdem fasziniert: Ich habe Biologie studiert und ursprünglich eher auf der nicht-biotechnologischen Seite gearbeitet. Gerade diese beiden Seiten machen das Thema für mich so spannend. Auf der einen Seite steht die enorme Vielfalt und Komplexität der Biologie, auf der anderen die Biotechnologie als Versuch, aus diesem Verständnis ganz konkrete Lösungen abzuleiten.
Welchen Beitrag kann moderne Pflanzenzüchtung leisten, um Landwirtschaft und Ernährungssysteme an Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder geopolitische Krisen anzupassen?
Pflanzenzüchtung hat genau das eigentlich schon immer getan – oder zumindest versucht. Sie ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um Landwirtschaft an neue Herausforderungen anzupassen. Klimatische Veränderungen oder knapper werdende Ressourcen waren für die Züchtung nie etwas völlig Neues. Heute verändert sich vieles allerdings deutlich schneller. Deshalb bietet die Biotechnologie in der Pflanzenzüchtung einen wichtigen Hebel, um schneller darauf reagieren zu können und unsere Ernährungssysteme produktiv zu halten.
„Viele Menschen gehen erst einmal davon aus: Wenn mehr Technik im Spiel ist, bedeutet das auch mehr Eingriffe. Genau das Gegenteil ist der Fall.“
Sie verfolgen die Debatte um neue genomische Techniken seit vielen Jahren. Was hat Sie an dieser Diskussion wissenschaftlich und gesellschaftlich am meisten überrascht?
Wissenschaftlich ist natürlich am spannendsten, was diese Technologien ermöglichen – nämlich, dass wir heute deutlich weniger invasiv züchten können. Gleichzeitig ist das auch einer der schwierigsten Punkte in der Kommunikation. Viele Menschen gehen erst einmal davon aus: Wenn mehr Technik im Spiel ist, bedeutet das auch mehr Eingriffe. Genau das Gegenteil ist der Fall. Mit den neuen Technologien können wir gezielter und damit oft weniger invasiv am Genom arbeiten.
„Dass einige den Kompromiss bis zuletzt verhindern wollten, teilweise auch nicht zum Vorteil der Menschen oder Gruppen und Industrien, die sie vertreten, fand ich schon bemerkenswert.“
Am meisten überrascht hat mich aber die politische Debatte. Ich begleite das Thema inzwischen seit fast zehn Jahren in unterschiedlichen Rollen. In dieser Zeit gab es einen intensiven wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Bei einem so langen Prozess würde man eigentlich erwarten, dass sich Positionen zumindest ein Stück weit annähern. Dass manche bis zuletzt so konsequent an ihrer ablehnenden Haltung festgehalten haben, hat mich schon überrascht. Ich hatte nach all den Jahren zwar damit gerechnet, dass es Widerstand geben würde. Aber dass einige den Kompromiss bis zuletzt verhindern wollten, teilweise auch nicht zum Vorteil der Menschen oder Gruppen und Industrien, die sie vertreten, fand ich schon bemerkenswert.
„Politisch habe ich großen Respekt vor denjenigen, die diesen Prozess über so viele Jahre begleitet haben – gerade auch in der Europäischen Kommission. Nach all den Schleifen und den immer neuen Verhandlungen im Trilog war das alles andere als selbstverständlich.“
Das Europäische Parlament hat kürzlich dem Kompromiss zur NGT-Verordnung zugestimmt. Für NGT-1-Pflanzen sieht der Kompromiss künftig ein differenziertes Regulierungsmodell vor. Wie ordnen Sie diese Entscheidung wissenschaftlich und politisch ein?
Insgesamt ist das für mich ein guter Kompromiss. Ich finde, Politik sollte wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für ihre Entscheidungen nutzen. Gleichzeitig macht Wissenschaft keine Politik. Politik muss unterschiedliche Interessen, Zielkonflikte und gesellschaftliche Erwartungen zusammenbringen. Deshalb ist das, was jetzt vorliegt, wahrscheinlich nicht in jedem Punkt das, was man aus rein wissenschaftlicher Sicht machen würde. Mit all diesen Zielkonflikten im Hintergrund ist es aber ein guter Kompromiss. Wissenschaftlich kann man damit sehr gut arbeiten – deutlich besser als mit der bisherigen Regelung.
Politisch habe ich großen Respekt vor denjenigen, die diesen Prozess über so viele Jahre begleitet haben – gerade auch in der Europäischen Kommission. Nach all den Schleifen und den immer neuen Verhandlungen im Trilog war das alles andere als selbstverständlich. Deshalb würde ich sagen: Politisch ist das erst einmal ein Erfolg. Natürlich hat der gesamte Prozess sehr lange gedauert. Ich hoffe, dass wir daraus auch etwas lernen. Technologien entwickeln sich weiter. Wenn politische Entscheidungen jedes Mal zehn Jahre brauchen, wird es schwierig, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten – sowohl bei den Chancen als auch beim Umgang mit möglichen Risiken.
„Die Neuregelung von NGTs ist erst einmal ein Befreiungsschlag (…) und ein Hoffnungsschimmer für die Landwirtschaft. Wir schaffen jetzt die Möglichkeit, unsere Landwirtschaft mit diesen Methoden zukunftsfähiger zu gestalten.”
Welche Chancen eröffnet die neue Regulierung für Forschung, Züchtung und Landwirtschaft, und welche Herausforderungen sehen Sie bei der Umsetzung?
Bei der Forschung ist es so: In Europa – und in Deutschland erst recht – hat in den vergangenen Jahren kaum noch Forschung bis hin zum Feldversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen stattgefunden. Das wird jetzt zumindest wieder einfacher und überhaupt wieder möglich, weil diese Einzelfallprüfung bei NGT-1-Pflanzen wegfällt. Ich hoffe deshalb, dass künftig wieder mehr von dieser Forschung bei uns stattfinden wird.
Es passiert zwar weiterhin viel Forschung in Europa, wir sind wissenschaftlich immer noch stark. Aber gerade die letzten Schritte bis zur Anwendung – also zu zeigen, dass etwas tatsächlich auf dem Feld funktioniert und über mehrere Jahre getestet werden kann – haben hier kaum noch stattgefunden. Diese Forschung ist deshalb oft ins Ausland gegangen. Das hat wiederum Talente angezogen – Menschen, die nach der Universität genau in diesem Bereich arbeiten wollten. Ich hoffe, dass sich das mit der Zeit wieder stärker in die EU verlagert. Dass also nicht nur Universitäten, sondern auch mittelständische Züchtungsunternehmen wieder Freilandversuche durchführen können.
Für die Züchtung ist das natürlich ebenfalls ein großer Vorteil. Es ist einfach ein wichtiges zusätzliches Werkzeug im Werkzeugkasten. Die deutsche und europäische Züchtung können sich dadurch hoffentlich wieder stärker im internationalen Wettbewerb behaupten. Natürlich gibt es innerhalb der Branche unterschiedliche Interessen. Kleinere und größere Züchtungsunternehmen schauen auf manche Fragen unterschiedlich. Darüber wird in den nächsten Jahren sicher noch einiges diskutiert werden. Aber insgesamt ist die neue Regulierung erst einmal ein Befreiungsschlag. Für die Landwirtschaft ist sie vor allem ein Hoffnungsschimmer. Man sollte die Erwartungen allerdings nicht überziehen. Es wird noch Jahre dauern, bis die ersten Pflanzen aus diesen Verfahren tatsächlich auf den Feldern stehen. Aber wir schaffen jetzt überhaupt erst die Möglichkeit, unsere Landwirtschaft mit diesen Methoden zukunftsfähiger zu gestalten.
„Wenn man bei solchen neuen Technologien und Innovationen in Forschung und Anwendung nicht vorne mit dabei ist, ist man auch bei allem, was international in diese Richtung passiert, schnell nicht mehr am Tisch.”
Welche Folgen hat es für Forschung, Züchtung und Landwirtschaft, wenn neue Technologien in Europa deutlich später verfügbar werden als in anderen Regionen der Welt?
Wie in allen Innovationsbereichen besteht die Gefahr, dass Entwicklungen dort stattfinden, wo die Rahmenbedingungen günstiger sind. Wenn sich Forschung, Unternehmen und Investitionen über Jahre an anderen Standorten konzentrieren, lässt sich das später nur schwer wieder aufholen. Wir haben in Europa bereits viel Zeit verloren. Andere Länder haben entsprechende Regelungen deutlich früher eingeführt. Dort konnten sich Strukturen entwickeln, die heute einen Vorsprung schaffen. Es ist gut möglich, dass sich davon nicht mehr alles zurückholen lässt.
Europa verliert dadurch aber nicht nur wirtschaftliche Chancen. Pflanzenzüchtung ist international vernetzt. Das gilt für den Austausch genetischer Ressourcen genauso wie für den Handel mit Agrargütern. Wenn man bei solchen neuen Technologien und Innovationen in Forschung und Anwendung nicht vorne mit dabei ist, ist man auch bei allem, was international in diese Richtung passiert, schnell nicht mehr am Tisch. Deshalb geht es für mich nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit. Es geht auch darum, international mitgestalten zu können.
In der öffentlichen Debatte gibt es weiterhin Vorbehalte gegenüber neuen Züchtungstechniken. Welche Sorgen sollte man ernst nehmen und welche Missverständnisse sollten stärker aufgeklärt werden?
Erst einmal würde ich alle Sorgen ernst nehmen. Das war zumindest immer unser Ansatz beim Öko-Progressiven Netzwerk. Sorgen sollte man ernst nehmen – vorausgesetzt, sie sind echte Sorgen und nicht Teil einer Kampagne, anderen Menschen Sorgen zu machen. Gleichzeitig gibt es vieles, worüber wir heute deutlich mehr wissen als noch vor einigen Jahren. Zum Beispiel hat sich wissenschaftlich vieles zu möglichen Gesundheitsrisiken oder auch zu ökologischen Fragen geklärt.
Was aus meiner Sicht bleibt, sind vor allem Fragen rund um den Markt. Dazu gehören Schutzrechte und Patente. Genau deshalb finde ich es sinnvoll, dass man sich diese Entwicklungen jetzt in der Praxis anschaut. Vieles wurde bisher eher theoretisch diskutiert. Wie entwickelt sich der Umgang mit Patenten? Was bedeutet das für Züchtungsunternehmen? Wo muss möglicherweise nachgesteuert werden? Das sind berechtigte Fragen. Und dabei geht es eben nicht nur um Bio oder Nicht-Bio, sondern auch um die unterschiedlichen Interessen von Züchtungsunternehmen, Landwirtschaft und anderen Akteuren.
Jetzt gibt es zwei Jahre Zeit für die Umsetzung. In dieser Phase müssen auch die nationalen Regelungen weiterentwickelt werden. Ich hoffe, dass dabei viele Gespräche stattfinden und möglichst viele Fragen aufgenommen werden. Vieles lässt sich eben erst beantworten, wenn man Erfahrungen in der Praxis gesammelt hat. Ich finde deshalb gut, dass wir jetzt endlich ins Tun kommen. Manche Dinge kann man einfach nicht ausschließlich theoretisch diskutieren.
„Grundsätzlich begegnen Verbraucherinnen und Verbraucher neuen Technologien häufig mit ähnlichen Vorbehalten. Deshalb braucht es auch hier gute Kommunikation.“
Sie beschäftigen sich nicht nur mit Pflanzenzüchtung, sondern auch mit neuen Formen der Lebensmittelproduktion mit Hilfe von Mikroorganismen. Welche Parallelen sehen Sie bei der Frage, wie biotechnologische Innovationen gesellschaftlich akzeptiert werden und regulatorisch ihren Weg vom Labor in die Anwendung finden?
Da gibt es viele Parallelen, aber auch wichtige Unterschiede. Der größte Unterschied ist, dass Mikroorganismen für innovative Lebensmittel in geschlossenen Systemen eingesetzt werden. Bei Pflanzen geht es dagegen um die Freisetzung in die Umwelt. Deshalb ist auch der regulatorische Rahmen ein anderer. Was die Parallelen betrifft, ist die Biotechnologie natürlich der gemeinsame Nenner. Sobald es um Lebensmittel geht, tauchen ähnliche Fragen auf: Wie natürlich ist das? Kann ich dem vertrauen? Solche Diskussionen kennen wir aus beiden Bereichen.
Ein wichtiger Unterschied wird dabei häufig übersehen. Bei vielen innovativen Lebensmitteln sind die genetisch veränderten Mikroorganismen am Ende gar nicht mehr im Produkt enthalten. Nehmen wir Milchproteine als Beispiel: Sie können mithilfe genetisch veränderter Mikroorganismen hergestellt werden. Im fertigen Produkt bleibt aber nur das Milchprotein. Der Mikroorganismus selbst wird vollständig entfernt. Oft kommt man in der öffentlichen Diskussion gar nicht bis zu diesem Punkt.
Grundsätzlich begegnen Verbraucherinnen und Verbraucher neuen Technologien häufig mit ähnlichen Vorbehalten. Deshalb braucht es auch hier gute Kommunikation. Gleichzeitig sind die regulatorischen Fragen andere als bei Pflanzen. Dort gibt es nicht die eine große Regulierung, sondern mehrere unterschiedliche Regelungen und Interessenlagen.
„Die Genomeditierung ist ein gutes Werkzeug. Manche Dinge werden dadurch schneller und einfacher. Aber qualitativ ändert sich dadurch erst einmal nicht groß etwas – vor allem nicht aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher.“
Wenn Sie die verschiedenen Innovationsfelder – von Pflanzenzüchtung über mikrobielle Verfahren bis hin zu neuen Proteinquellen – zusammen betrachten: Wo erwarten Sie in den kommenden 10 bis 20 Jahren die größten Veränderungen für Landwirtschaft und Ernährung?
Eher im mikrobiellen Bereich und bei alternativen Verfahren. So wichtig dieser Befreiungsschlag nach mehr als zehn Jahren Regulierung auch ist: Genomeditierung ist erst einmal ein neues Werkzeug in der Pflanzenzüchtung. Ein gutes Werkzeug. Manche Dinge werden dadurch schneller und einfacher. Aber qualitativ ändert sich dadurch erst einmal nicht groß etwas – vor allem nicht aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher.
Ich glaube deshalb eher, dass Verfahren, die etwas grundsätzlich anders machen als die bisherige Landwirtschaft, das größere Veränderungspotenzial haben. Dazu gehören vor allem unterschiedliche Formen der Fermentation. Gerade wenn man nach China schaut, sieht man, wie stark dort inzwischen in Bio-Manufacturing investiert wird. Das hängt nicht mehr nur davon ab, was Europa macht. Wenn China diesem Bereich im Fünfjahresplan hohe Priorität gibt, wird dort auch entsprechend investiert. Diese Entwicklungen werden deshalb kommen – unabhängig davon, wie schnell Europa vorankommt. Umso wichtiger ist es, dass wir den Anschluss nicht verlieren.
Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren deutlich mehr biotechnologisch hergestellte Zutaten sehen, die tierische Produkte ergänzen oder teilweise ersetzen können. Das wird noch etwas dauern, aber das Potenzial ist groß.
„Vielleicht blicken wir dann auf die heutige NGT-Regulierung zurück und sagen: Das war der Anfang. Der Moment, in dem Europa es doch noch geschafft hat, das Steuer herumzureißen und ein Standort für Innovation und Nachhaltigkeit in Landwirtschaft und Ernährung zu sein.“
Wenn wir dieses Gespräch in 20 Jahren noch einmal führen würden: Worauf würden Sie hoffen, dann mit Blick auf Landwirtschaft und Ernährung zurückschauen zu können?
Ich hoffe, dass wir dann sagen können, dass wir Innovation für mehr Nachhaltigkeit ermöglicht haben. Dass wir verstanden haben, welchen Beitrag Innovation leisten kann – und dass wir ihn auch regulatorisch möglich gemacht haben. Ich hoffe außerdem, dass das, was jetzt passiert ist, nicht einmalig bleibt. Dass diese Regulierung eher der Anfang war und wir auch anderen Innovationen in der Landwirtschaft offen begegnen.
Vielleicht blicken wir dann auf die heutige NGT-Regulierung zurück und sagen: Das war der Anfang. Der Moment, in dem Europa es doch noch geschafft hat, das Steuer herumzureißen und ein Standort für Innovation und Nachhaltigkeit in Landwirtschaft und Ernährung zu sein.
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